Unsere Geschichte

Wer die Philosophie verstehen will, muss die Geschichte kennen.

Seit Mitte der 90er Jahre gestaltet der heutige Landrat Erich Pipa eine moderne Arbeitsmarkt- und Beschäftigungspolitik im Main-Kinzig-Kreis. Was 1996 mit den so genannten „Neuen Wegen in der Sozialpolitik“ begann, erleben wir heute als ein Kommunales Center für Arbeit (KCA) sowie die im Januar 2005 gegründete Gesellschaft für Arbeit, Qualifizierung und Ausbildung (AQA).

Dieser Wandel kennzeichnet auch die Philosophie der seit vielen Jahren erfolgreichen Betreuung und Förderung von Hilfe suchenden Menschen. Denn die Verwaltung muss sich den Bedürfnissen ihrer Bürgerinnen und Bürger anpassen und dem gesellschaftlichen Wandel folgen.

Diesen Anspruch erfüllte das traditionelle Sozialamt vor rund 20 Jahren nicht mehr. Denn als Grundlage diente eine überholte Gesetzgebung von 1962. Zu dieser Zeit gab es Vollbeschäftigung und nur etwa 500.000 Sozialhilfeempfänger in Deutschland. Diese Menschen waren zu 90 Prozent über 60 Jahre alt und erhielten Leistungen von insgesamt etwa 200 Millionen Euro. Im Jahr 2002 waren die Ausgaben schließlich um das hundertfache auf 21 Milliarden Euro gestiegen, es gab über vier Millionen Arbeitslose und 2,7 Millionen Sozialhilfeempfänger. Davon waren nur noch zehn Prozent über 60 Jahre alt.

Ein ähnliches Bild zeigte sich auch im Main-Kinzig-Kreis, wo sich die Ausgaben für Sozialhilfe zwischen 1990 und 1996 von 21 Millionen Euro auf 53 Millionen Euro dramatisch entwickelten. Innerhalb von zwei Jahren stieg die Zahl der Hilfeempfänger um 25 Prozent.

Ziel der einzigartigen Initiative ist die „Hilfe zur Selbsthilfe“

Um nicht völlig unter der Ausgabenlast zusammenzubrechen und um den betroffenen Menschen wieder eine Perspektive geben zu können, startete der Main-Kinzig-Kreis seine damals einzigartige Initiative. Denn es zählte eigentlich nicht zu den definierten Tätigkeiten der Sozialbehörde, die Männer und Frauen zu qualifizieren, nach Arbeitsplätzen zu suchen und neue Jobs zu vermitteln. Parallel wurden mögliche Probleme wie hohe Schulden, Drogensucht, fehlende Kinderbetreuung oder sprachliche Hindernisse gemeinsam mit den Betroffenen gelöst. Im Mittelpunkt steht bis heute die „Hilfe zur Selbsthilfe“.

Um diese vielfältigen Aufgaben zu bewältigen, wurde unter anderem zusätzliches Personal für das Sozialamt eingestellt. Eine Entscheidung, die sich schon nach kurzer Zeit auch finanziell positiv auswirkte.

So entstanden im Rahmen dieser „aktiven Sozialpolitik“ sehr schnell eine Reihe von Projekten und Ideen. Dabei war es ein großer Vorteil, dass der Main-Kinzig-Kreis mit dem damaligen Berufsbildungs- und Beschäftigungszentrum (BBZ) bereits über eine grundlegende Infrastruktur verfügte. Denn das Gelände der ehemaligen Maschinenfabrik Wibau in Gründau-Rothenbergen war nach dem Konkurs im November 1983 vom Kreis übernommen worden, um den Lehrlingen eine Perspektive zu geben.

Seit 1991 wurde das Zentrum im Sinne der Erwachsenenbildung immer weiter ausgebaut und modernisiert. Zu den Ausbildungsberufen wie Energieelektroniker, Konstruktionsmechaniker, Holzmechaniker, Kaufmann/-frau für Bürokommunikation kamen immer weitere Berufsbildungs- und Förderlehrgänge hinzu. Es entstanden Projekte für Frauen, unterschiedliche Eingliederungs- und Trainingsmaßnahmen, gemeinnützige Beschäftigungen sowie zahlreiche begleitende Hilfsangebote, wie zum, Beispiel die Leitstelle Wohnen. Zeitweise gab es unter dem Dach der „Neuen Wege in der Sozialpolitik“ über 15 verschiedene Bausteine.

Schon 1996 rückten Arbeitsvermittlung und Sozialamt zusammen

Im Juni 1996 wurde in der Gemeinde Erlensee das erste „Modellteam“ eingerichtet, um näher an die Hilfe suchenden Menschen zu kommen. Hier gab es dann erstmals die einzigartige Zusammenarbeit von Sozialamt, Arbeitsamt, Jugendamt, der Kommune sowie bei Bedarf weiteren Fachbehörden. So konnten in kurzer Zeit praktikable und wirkungsvolle Lösungen für die betreffenden Personen erzielt werden. Innerhalb von vier Jahren ging die Zahl der Hilfeempfänger-Haushalte um 37,6 Prozent zurück, da diese ihren Lebensunterhalt wieder selbst bestreiten konnten. Dieses Erfolgsmodell wurde zeitweise an anderen Orten fortgesetzt: Das Modellteam Wächtersbach verbuchte innerhalb von zweieinhalb Jahren einen Rückgang der Hilfeempfängerzahl von 18,3 Prozent. Die Zahl der Hilfeempfänger in Langenselbold ist durch das dortige Team um 33 Prozent gesunken. Und das Job Offensiv Center Maintal senkte die Zahl der Empfänger-Haushalte innerhalb kürzester Zeit um 16,8 Prozent.

Im Zuge der Diskussion der Sozialreform (Hartz IV) stoßen die „Neuen Wege“ zwischen 2002 und 2005 auf bundesweite Medienresonanz. Fernsehteams, Presse und Kollegen anderer Landkreise kommen in den Main-Kinzig-Kreis, um zu sehen, wie und warum hier funktioniert, was andernorts noch in den Kinderschuhen steckt: die erfolgreiche Vermittlung Langzeitarbeitsloser in Jobs. Die Innovationen Erich Pipas werden von fast allen relevanten Medien der Bundesrepublik thematisiert. Und so vergeht kaum eine Woche, in der nicht Delegationen aus Politik und Verwaltung anderer Landkreise den Main-Kinzig-Kreis und das BBZ besuchen, um sich vor Ort über die wegweisenden Projekte zu informieren, oder Medienvertreter einen Gesprächs-, Foto- oder Drehtermin mit dem Sozialdezernenten wünschen. Führende Politiker jeder Couleur auf Landes- oder Bundesebene kommen ins BBZ, ob Wolfgang Clement, Klaus Müntefering, Roland Koch oder Dirk Niebel. Das BBZ wird zur Lehrwerkstatt für Politiker und Fachleute.

Neues Optionsgesetz auch ein Erfolg für den Main-Kinzig-Kreis

Als das kommunale Optionsgesetz vom 9. Juli 2004 verabschiedet wird, ist das auch ein Erfolg für den Main-Kinzig-Kreis. Denn damit wurde erreicht, dass Kommunen im Rahmen der Hartz IV-Gesetze die Möglichkeit erhalten, die Langzeitarbeitslosen zusätzlich zu den Empfängern der klassischen Sozialhilfe in Eigenregie zu betreuen. Eine entsprechende „Experimentierklausel“ räumt bundesweit 69 Kommunen diese Chance ein.

Es ist auch keine Überraschung, dass der Main-Kinzig-Kreis am 27. Juni 2004 als erste hessische Kommune seine Zulassung zur Betreuung der Bezieher des künftigen Arbeitslosengeldes II in Wiesbaden beantragt. Zwei Aktenordner umfasst der Antrag auf „Option der kommunalen Trägerschaft der Grundsicherung für Arbeitssuchende“. 

Welche neuen Strukturen geschaffen werden müssen, wie viel Bürofläche und wie viel zusätzliches Personal für die Betreuung der Empfänger des Arbeitslosengeldes II ab 2005 im Main-Kinzig-Kreis benötigt werden – all dies hat der Kreis bereits kalkuliert und durchdacht. Die umfangreichen Unterlagen reichen vom Beschluss des Kreistags über Rahmendaten des Main-Kinzig-Kreises bis hin zum detaillierten neuen Unternehmenskonzept und Wirtschaftsplan des Berufsbildungs- und Beschäftigungszentrums (BBZ) sowie einem Zeitplan zur Umsetzung der Neuerungen.

Vorbereitungen für eine „Mammutaufgabe“

So soll das BBZ erweitert werden und künftig unter dem Namen “Gesellschaft für Arbeit, Qualifizierung und Ausbildung“ (AQA) firmieren. Die entsprechende Zustimmung des Finanzamtes Offenbach zur Satzungsänderung liegen dem Antrag bei. Stellen- und Raumbedarf für die neuen Regionalzentren sind in den Unterlagen detailliert aufgeschlüsselt, ebenso die voraussichtlichen Fallzahlen. Eine Übersicht zur Gesamtorganisation der neuen Aufgabe und Vorgaben zur Arbeitsmethodik komplettieren die Ausführungen.

Zum Beispiel sind die „Standards des Fallmanagements“ genau dargestellt. Sie reichen von der Erstberatung (Aufbau einer Arbeitsbeziehung mit dem Klienten) über die Stärken/Schwächen-Analyse, Zielvereinbarung, Planung der Hilfeangebote bis hin zur Leistungssteuerung und Kontrolle der Vermittlungseignung.

Der Kreis verdeutlicht zudem seine Eignung für die anspruchsvolle neue Aufgabe. Ein Kapitel widmet sich den Erfolgen der wegweisenden Projekte, mit denen Erich Pipa seit 1996 arbeitslose Sozialhilfeempfänger in Lohn und Brot gebracht hat. Bausteine und Bilanzen des Programms „Neue Wege in der Sozialpolitik“ sind ausführlich beschrieben.

Vor der neuen Gesellschaft liegt eine Mammutaufgabe: Statt bisher rund 3.500 Männer und Frauen betreut der Main-Kinzig-Kreis mit Beginn des Jahres 2005 rund 12.000 Langzeitarbeitslose. Der Übergang von der Agentur für Arbeit soll innerhalb weniger Monate abgeschlossen sein. „Wir haben große Erfahrung vor allem in der Betreuung von Problemfällen“, begründete Sozialdezernent Erich Pipa seinen Optimismus.

Nach seiner Ansicht wäre die Einführung von Hartz IV in dieser Form nicht nötig gewesen. Doch nun ist der Main-Kinzig-Kreis ein Vorbild für viele Kommunen, welche ebenfalls den Weg der Option gewählt haben. Zahlreiche Verwaltungskräfte und Kommunalpolitiker waren Monate zu Gast, um etwas zu erfahren über Lohnkostenzuschuss, Arbeitnehmerüberlassung, Tagesmütterprogramm, Qualifizierungskurse für Frauen, sinnvolle Deutschkurse sowie kommunale Arbeitsvermittlung.

Basis für eine niedrige Arbeitslosenquote und eine Nachhaltigkeit der Vermittlungen von 85 Prozent ist das regionale Bündnis. So wird die Arbeit des Kreises unterstützt von der Industrie- und Handelskammer, der Handwerkerschaft, caritativen und sozialen Organisationen sowie sämtlichen politischen Parteien. Insgesamt über 800 Firmen und Betriebe greifen auf die Dienste des ehemaligen Berufsbildungs- und Beschäftigungszentrums und der nachfolgenden Gesellschaft für Arbeit, Qualifizierung und Ausbildung (AQA) zurück. Die Arbeitsvermittler des Kreises suchen engen Kontakt zu diesen Unternehmen sowie zu den eigenen Ausbildern und Betreuern.

Um Langzeitarbeitslose wieder an eine regelmäßige Beschäftigung zu gewöhnen, gibt es die gemeinnützige Arbeit, die fälschlich immer wieder als Ein-Euro-Job bezeichnet wird. Es gibt Qualifizierungen wie Staplerführerschein oder Schweißerschein und mehrere Ausbildungsberufe für benachteiligte junge Menschen. Bei fehlenden Deutschkenntnissen kümmert sich der Main-Kinzig-Kreis um eine praxisnahe Sprachförderung.

Bausteine der „Neuen Wege“ werden erheblich erweitert

Langzeitarbeitslose tragen häufig eine Vielzahl von Problemen mit sich herum“, berichtet Pipa. Gemeinsam mit freien Trägern, Schuldner- und Drogenberatung, Beschäftigungsgesellschaften und Fortbildungsinstituten wird nahezu für jeden Fall ein Weg zurück auf den Arbeitsmarkt gefunden. „Wer einen Arbeitsplatz sucht, wird ihn gemeinsam mit uns finden“, formuliert der Landrat das oberste Ziel.

Mit dem Start der Option und der zusätzlichen Aufgabe waren etwa 150 zusätzliche Stellen in der neuen Gesellschaft zu besetzen. Insgesamt gingen weit über 2.000 Bewerbungen ein. Zunächst wurden 90 Fallmanager, 25 Vermittler sowie Fachanleiter und Ausbilder ausgewählt. Auch die Leiter der Regionalzentren wurden benannt.

Denn sämtliche Bausteine der „Neuen Wege“ wurden 2005  erheblich erweitert. So eröffneten vier Regionalzentren für Arbeit (Maintal, Hanau, Gelnhausen, Schlüchtern) im Main-Kinzig-Kreis sowie das Frankfurter Vermittlungsbüro ihre Türen. Sie sind bis heute die Anlaufstellen für alle erwerbsfähigen Sozialhilfeempfänger.

Auch im Bereich der Werkstätten und Ausbildungsangebote wurden zusätzliche Angebote geschaffen. So startete im Januar 2005 der neue Standort in Hanau-Wolfgang und das Recyclingzentrum in Nidderau begann im Februar seine Arbeit. Im Frühjahr 2005 war auch der Standort in Bad Soden-Salmünster fertig und am Beschäftigungszentrum in Gründau wurde ebenfalls kräftig gebaut.

Fünf Jahre später folgt nun ein weiteres Kapitel: Mit Beginn des Jahres 2010 wird die Betreuung und Vermittlung von Langzeitarbeitslosen im Main-Kinzig-Kreis unter veränderten Rahmenbedingungen erfolgreich fortgesetzt. Als „Kommunales Center für Arbeit“ (KCA) übernimmt die neue Anstalt des öffentlichen Rechts die zentrale Aufgabe nach dem Sozialgesetzbuch II. „Wir erfüllen damit die Auflagen von Bund und Land und erhöhen unsere Leistungsfähigkeit“, beschreibt Landrat Erich Pipa den Hintergrund der aktuellen Neuorganisation.

Wie Pipa erläutert, werden im KCA wesentliche Aufgaben des Kreissozialamtes und der bisherigen Gesellschaft für Arbeit, Qualifizierung und Ausbildung (AQA) sinnvoll zusammen gefasst. Hintergründe für diesen Schritt waren gesetzliche Änderungen, Erkenntnisse aus Gesprächen mit den zuständigen Fachbehörden sowie die Erfahrungen in der Praxis.

KCA und AQA als starke Partner für Langzeitarbeitslose

Der Main-Kinzig-Kreis bleibt der kommunale Träger der Option und damit direkter Ansprechpartner des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS). Verantwortlich für die Umsetzung ist jetzt das KCA mit rund 300 Beschäftigten, den vier regionalen Anlaufstellen, der Arbeitsvermittlung sowie dem Bereich der Leistungsgewährung. Der zentrale Sitz des KCA ist in der Gutenbergstraße in Gelnhausen.

Die kreiseigene Gesellschaft AQA wird dabei als starker Partner weiter bestehen und mit rund 70 Beschäftigten ihre Kernaufgaben wie Arbeit, Qualifizierung, Ausbildung und Beschäftigung fortführen. Diese strikte Trennung des Aufgabenfeldes „Durchführung von beruflichen Eingliederungsmaßnahmen“ von der Gesamtaufgabe der Option ist nach der aktuellen Gesetzeslage gefordert.

„Für uns ist die neue Organisationsform eine Möglichkeit, die Wege zu verkürzen, die Zusammenarbeit zu erleichtern und Entscheidungen zu vereinfachen“, betont Pipa.

Im Zentrum steht weiterhin das gemeinsame Ziel, langzeitarbeitslose Menschen entsprechend ihrer Lebenssituation flexibel und passgenau in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zu überführen.  Erfolgsfaktoren bleiben dabei die Hilfen aus einer Hand, fördern und fordern, maßgerechte Qualifizierungen sowie die enge Kooperation mit den Unternehmen der Region. Als Optionskommune nutzt der Main-Kinzig-Kreis dabei seinen individuellem Spielraum und setzt auf Offenheit und Transparenz.